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PFAS in Schweizer Seen und Flüssen: Belastungsdaten und was du konkret tun kannst

24. August 2026

Im Sommer 2024 fanden Forschende des Eawag in Hechtproben aus dem Genfersee PFAS-Gehalte, die den Schweizer Höchstwert für Lebensmittel überschritten, bei 13 von 19 untersuchten Tieren. Wer dachte, das Problem betreffe nur Industrieregionen, wurde eines Besseren belehrt. PFAS, die Sammelbezeichnung für per- und polyfluorierte Alkylverbindungen, sind längst in fast allen Oberflächengewässern der Schweiz nachweisbar, von der Reuss bis zum Bodensee.

Diese Anleitung zeigt dir in sieben Schritten, wie du die vorhandenen Messdaten liest, welche Gewässer besonders belastet sind und welche Massnahmen dich sowie deine Familie schützen.

Schritt 1: Verstehe, was PFAS-Messdaten überhaupt bedeuten

PFAS werden in Nanogramm pro Liter (ng/L) oder Mikrogramm pro Liter (µg/L) angegeben. Ein Nanogramm ist ein Milliardstel Gramm, also winzig klein. Trotzdem können schon wenige ng/L gesundheitlich relevant sein, weil sich PFAS im Körper anreichern und kaum abgebaut werden.

  • ng/L: Nanogramm pro Liter, gängige Einheit für Umweltmessungen in Oberflächengewässern.
  • µg/L: Mikrogramm pro Liter = 1000 ng/L. Trinkwasser-Grenzwerte werden oft in µg/L angegeben.
  • Summenwert: Viele Behörden messen nicht einzelne PFAS-Verbindungen, sondern summieren mehrere (z.B. PFOA, PFOS, PFNA, PFHxS). Wichtig beim Vergleich von Werten verschiedener Quellen.
  • Nachweisgrenze: Liegt ein Wert 'unterhalb der Nachweisgrenze', heisst das nicht, dass keine PFAS vorhanden sind, nur dass die Messmethode zu unempfindlich ist, um sie zu quantifizieren.

Das BAFU veroeffentlicht seine Messwerte für Fliessgewässer auf der Seite 'PFAS in Fliessgewässern'. Dort findest du Rohdaten aus dem nationalen Messnetz mit rund 140 Stationen, das 2024 und 2025 deutlich ausgebaut wurde.

Schritt 2: Prüfe die Messdaten für Schweizer Fliessgewässer

Das BAFU hat an den grossen Schweizer Flüssen umfangreiche Messkampagnen durchgeführt. Das Ergebnis zeigt ein deutliches Gefälle: Viele grosse Flüsse liegen unter 10 ng/L im Summenwert, einzelne Zuflüsse mit industrieller Vergangenheit fallen stark heraus.

  • Rhein, Aare, Limmat, Reuss, Thur, Kleine Emme: Mittlere Summenkonzentrationen unter 0,01 µg/L (10 ng/L). Das entspricht einem Hintergrundwert, der in der Schweiz praktisch überall auftritt.
  • Glatt (Kanton Zürich): Gehört zu den am stärksten belasteten Fliessgewässern. Die Glatt nimmt Abwasser aus dem dicht besiedelten Grossraum Zürich auf; Messungen zeigten Werte deutlich über 0,01 µg/L.
  • Ergolz und Birs (Kantone Baselland/Basel-Stadt): Ebenfalls erhöhte Werte über 0,01 µg/L. In der Ergolz wurden im Rahmen einer kantonalen Untersuchung PFAS-Quellen auf ehemalige Industrie- und Militärstandorte zurückgeführt.
  • Wiese (Basel-Stadt/DE-Grenzgewässer): Erhöht, beeinflusst durch grenzüberschreitenden Eintrag aus dem süddeutschen Raum.

Für den Kanton Aargau gilt, dass sowohl Grundwasser als auch Oberflächengewässer PFAS-Hintergrundwerte im einstelligen ng/L-Bereich aufweisen. Belastungsschwerpunkte entstehen dort, wo ehemalige Feuerloeschplaetze oder Industrieareale in der Nähe von Gewässern liegen.

Schritt 3: Schau dir die Seendaten separat an

Seen reagieren träghaft auf PFAS-Einträge, weil sie grosse Wasservolumina besitzen und die Verdünnungsrate hoch ist. Trotzdem zeigen aktuelle Daten erhöhte Gehalte in Fischen, besonders in Raubfischen, die sich PFAS über die Nahrungskette aufkonzentrieren.

  • Genfersee (Lac Leman): Messungen von Mai bis Dezember 2024 an 146 Fischen. Hechte (13 von 19 Proben) und Forellen (4 von 5 Proben) überschritten den Schweizer Höchstwert für Lebensmittel. Barsche und Weissfische lagen überwiegend unter den Grenzwerten.
  • Zürichsee, Greifensee, Pfäffikersee: Im Sommer 2024 untersuchte der Kanton Zürich beliebte Speisefische. PFAS wurden in allen Proben nachgewiesen. Egli (Barsch), Felchen und Albeli lagen unter den Grenzwerten; beim Hecht wurden einzelne Proben knapp am Limit oder darüber gemessen.
  • Hallwilersee (Kanton Aargau): Für den Hecht gilt ein behordliches Vermarktungsverbot sowie eine Konsumempfehlung für weitere Fischarten. Konkrete Messwerte im Fischrohgewebe liegen vor.
  • Bodensee: Laut IGKB-Faktenblatt von November 2023 sind PFAS im Bodensee in geringen Konzentrationen nachweisbar. Der See gilt als Trinkwasserreservoir für rund vier Millionen Menschen; bisherige Trinkwasserwerte liegen unter dem Schweizer Höchstwert.

Ein wichtiges Detail: Beim Vergleich von See- und Flussdaten muss man unterscheiden, ob Wasserproben oder Gewebsproben (Fisch, Sediment) analysiert wurden. Wasserproben zeigen oft niedrige Werte, während Fischproben wegen der Bioakkumulation deutlich höher ausfallen können.

Schritt 4: Verstehe die geltenden Grenzwerte in der Schweiz

Die Grenzwertdiskussion in der Schweiz ist bewegter als oft angenommen. Das BLV (Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen) und das BAFU setzen unterschiedliche Richtwerte für verschiedene Medien.

  • Trinkwasser (aktuell): Je 0,3 µg/L für PFOS und PFHxS, 0,5 µg/L für PFOA. Diese Werte gelten als vergleichsweise hoch; die meisten Proben 2023 lagen weit darunter.
  • Trinkwasser (geplant, verschoben): Die Übernahme des EU-Summengrenzwerts von 0,1 µg/L für 20 PFAS zusammen war ursprünglich ab Januar 2026 vorgesehen. Der Bundesrat hat diese Anpassung aber vorerst verschoben, weil politische Diskussionen noch laufen.
  • Lebensmittel (seit 2024): Seit Anfang 2024 gelten Höchstgehalte für die wichtigsten PFAS in Eiern, Fleisch, Fisch, Krebstieren und Muscheln. Das ermoeglicht erstmals systematische Überwachung im Lebensmittelbereich.
  • Grundwasser: Das BAFU hat für PFAS in Grundwasser Richtwerte erarbeitet; eine nationale Messkampagne mit 550 Proben zeigte, dass Trifluoressigsäure (TFA) in jeder einzelnen Probe nachweisbar war.

Kritisch zu werten: Die EU hat in der Trinkwasserrichtlinie von 2020 deutlich strengere Werte festgelegt, die in Deutschland und Österreich schon umgesetzt werden. Für Menschen, die an einem Summengrenzwert von 0,1 µg/L als Orientierung interessiert sind, liegen einzelne Schweizer Entnahmegebiete bereits darüber, was das BLV auch öffentlich bestätigte.

Schritt 5: Finde heraus, ob dein Kanton betroffen ist

Mehrere Kantone haben eigene Messprogramme aufgesetzt und Daten veroeffentlicht. So gehst du systematisch vor:

  1. BAFU-Website aufrufen: Gehe auf bafu.admin.ch und suche nach 'PFAS in Fliessgewässern' oder 'NAQUA PFAS'. Dort findest du die nationalen Grundwasser- und Oberflächengewässerdaten.
  2. Kantonswebsite prüfen: Kanton Zürich (zh.ch), Aargau (ag.ch/pfas), Baselland, St. Gallen und Freiburg haben eigene PFAS-Seiten. Dort stehen Messergebnisse, Handlungsempfehlungen und zum Teil interaktive Karten.
  3. Wasserversorger anfragen: Dein lokaler Wasserversorger ist gesetzlich verpflichtet, auf Anfrage Auskunft über Trinkwasserqualität zu geben. Viele Gemeinden veroeffentlichen Jahresberichte online.
  4. Altlastenregister prüfen: Das BAFU führt ein Register belasteter Standorte (KbS). Liegt in deiner Nähe ein ehemaliges Militär-, Feuerloeschplatz- oder Industriegebiet, ist ein PFAS-Eintrag in nahegelegene Gewässer wahrscheinlicher.
  5. Kantonsapotheke oder Laboratorium beauftragen: Falls du auf dem Land privates Brunnenwasser oder Quellwasser trinkst, lassen sich PFAS in akkreditierten Labors bestimmen. Kosten liegen je nach Parameterumfang zwischen 150 und 400 Franken.

Schritt 6: Reduziere deine persönliche PFAS-Aufnahme aus Wasser und Fisch

Wissen ohne Konsequenzen nützt wenig. Hier sind konkrete Massnahmen, sortiert nach Aufwand:

  1. Trinkwasser aus dem Hahn bevorzugen (wenn aus öffentlicher Versorgung): Die grosse Mehrheit der Schweizer Wasserversorger liegt unter den bestehenden Grenzwerten. Plastikflaschen enthalten zwar kein PFAS im Wasser, sind aber schlechter für die Umwelt.
  2. Fischkonsum gezielt einschränken: Hecht und grosse Raubfische aus belasteten Seen (Genfersee, Hallwilersee, Greifensee) seltener essen. Barsch, Felchen und Zuchtfisch aus unkontaminierten Aquakulturen sind deutlich weniger belastet.
  3. Angelfang aus belasteten Gewässern prüfen: In Kantonen mit Konsumeinschränkungen (z.B. Aargau für den Hallwilersee) gilt der Hinweis des Kantonsarztamts. Vor dem nächsten Angelausflug kurz die kantonale Webseite checken.
  4. PFAS-haltige Kochgeschirr-Beschichtungen ersetzen: Antihaftbeschichtungen auf Basis von PTFE/PFAS tragen zwar wenig zum Gesamteintrag bei, lassen sich aber schrittweise durch Gusseisen oder Edelstahl ersetzen.
  5. Wasserfilter gezielt einsetzen: Aktivkohlefilter und umgekehrte Osmose können PFAS aus Trinkwasser entfernen. Beim Kauf auf zertifizierte Systeme (NSF/ANSI 58 oder 53) achten; einfache Krug-Filter leisten wenig.

Schritt 7: Verfolge die politische Entwicklung in der Schweiz

Das Thema PFAS in Schweizer Gewässern ist politisch im Fluss (pun intended). Der Bundesrat hat im Dezember 2025 einen Aktionsplan zu persistenten Chemikalien beschlossen, der auch PFAS umfasst. Konkret geplant sind:

  • Erweiterung des nationalen Messnetzes auf weitere 140 Stationen in Oberflächengewässern bis Ende 2026.
  • Überarbeitung der Trinkwasser-Grenzwerte mit dem Ziel, die EU-Werte langfristig zu übernehmen, auch wenn der ursprüngliche Zeitplan (Januar 2026) nicht eingehalten wird.
  • Verstärkte Sanierung belasteter Standorte (Altlasten), die PFAS in Gewässer eintragen.
  • Forschungsprojekte des Eawag (Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs) zu PFAS in Abwasser und Klärschlamm, um die wichtigsten Eintragsquellen zu quantifizieren.

Wer die Entwicklung verfolgen möchte: Das BAFU aktualisiert die PFAS-Themenseite regelmässig. Auch das Ökotoxzentrum (Standort Eawag/EPFL) veroeffentlicht Infoblätter zu neuen Erkenntnissen, zuletzt 2025 mit aktualisierten Umweltqualitätskriterien für PFAS in Gewässern.

Häufige Fragen

Sind Schweizer Seen grundsätzlich sicher für Trinkwasser?

Für die öffentliche Wasserversorgung gilt: Ja, die grosse Mehrheit der Schweizer Wasserwerke hält die aktuellen Grenzwerte ein, auch jene am Genfersee oder Bodensee. Das Trinkwasser wird aufbereitet. Das BLV analysierte 2023 rund 567 Trinkwasserproben, davon 306 ohne nachweisbare PFAS. Kein Betrieb überschritt den aktuell geltenden Schweizer Höchstwert. Wer auf Nummer sicher gehen will, fragt beim lokalen Wasserversorger nach dem Jahresbericht.

Warum überschreitet Fisch aus dem Genfersee den Grenzwert, obwohl der See selbst niedrige PFAS-Werte hat?

Der Prozess heisst Bioakkumulation. PFAS reichern sich in Fettgewebe an und werden von Tier zu Tier weitergegeben, wenn ein Raubfisch wie der Hecht seine ganze Lebenszeit lang PFAS-haltigen Beutefisch frisst. Das Wasser selbst kann dabei im ng/L-Bereich bleiben, während das Fischgewebe um ein Vielfaches höhere Konzentrationen aufweist. Dieser Effekt ist bei Raubfischen, die lange leben (Hecht bis 25 Jahre), besonders ausgeprägt.

Gibt es in der Schweiz eine öffentliche PFAS-Belastungskarte für Gewässer?

Eine zentrale, interaktive Karte für alle Gewässer existiert noch nicht. Das BAFU stellt aber auf seiner Website tabellarische Messdaten für die Fliessgewässer-Messkampagne bereit. Einzelne Kantone (Zürich, Aargau) haben eigene kantonale Karten oder Berichte. Die pfaskarte.ch-Karte zeigt gemeldete Belastungsstandorte und hilft dabei, regionale Brennpunkte auf einen Blick zu identifizieren.

Welche PFAS-Summengrenzwerte gelten ab wann in der Schweiz für Trinkwasser?

Aktuell gelten Einzelstoffgrenzwerte: 0,3 µg/L für PFOS und PFHxS, 0,5 µg/L für PFOA. Ein Summengrenzwert von 0,1 µg/L für 20 PFAS (analog EU) war ab Januar 2026 geplant, wurde aber vom Bundesrat verschoben. Das BLV hat keine neue Frist kommuniziert. Es empfiehlt sich, die BLV-Webseite oder die Mitteilungen des Bundesrats regelmässig zu verfolgen.

Was kann ich tun, wenn ich privates Quellwasser oder Brunnenwasser nutze?

Privates Wasser unterliegt keiner behördlichen Routinekontrolle. Wer Quell- oder Brunnenwasser als Trinkwasser nutzt, sollte es mindestens einmal auf PFAS analysieren lassen, besonders wenn in der Umgebung Militärgelände, Flugplätze, Feuerloeschplaetze oder Industrie bekannt sind. Akkreditierte Labors (Liste auf der BAFU-Website) führen Analysen für typischerweise 150 bis 400 Franken durch. Bei erhöhtem Befund ist ein zertifizierter Umkehrosmose-Filter eine wirksame Option.

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