PFAS-Grenzwerte international im Vergleich
16. Mai 2026
Wenn Wasser in Zahlen gemessen wird
Wie sauber muss Trinkwasser sein? Diese einfache Frage bekommt bei PFAS – den per- und polyfluorierten Alkylverbindungen – je nach Land eine radikal andere Antwort. Ob 300 Nanogramm pro Liter oder 2 Nanogramm: Der Unterschied zwischen den internationalen Grenzwerten ist nicht marginal, er beträgt Faktor 150. Dahinter stehen unterschiedliche wissenschaftliche Bewertungen, politische Kompromisse und die Frage, was Wasserversorger technisch und wirtschaftlich leisten können. Ein Vergleich der aktuellen und kommenden Grenzwerte zeigt, wo die Schweiz heute steht und wohin die Reise geht.
Was sind PFAS und warum sind Grenzwerte so schwierig?
PFAS ist ein Sammelbegriff für über 10.000 verschiedene Chemikalien, die alle ein gemeinsames Merkmal haben: die ausserordentlich stabile Kohlenstoff-Fluor-Bindung, die ihre biologische Abbaubarkeit faktisch auf null reduziert. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2020 eine tolerierbare wöchentliche Aufnahme (TWI) für die vier besonders gut erforschten PFAS – PFOA, PFNA, PFHxS und PFOS, zusammengefasst als PFAS-4 – von 4,4 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Woche festgelegt. Dieser Wert liegt weit unter früheren Schätzungen und ist die wissenschaftliche Grundlage für die strengsten aktuellen Grenzwertvorschläge.
Die Schwierigkeit bei der Festlegung von Grenzwerten liegt in mehreren Faktoren:
- Messbarkeit: Extrem niedrige Konzentrationen im Bereich von 1–4 ng/L können nicht alle Labors verlässlich messen. Die Analytik muss mit dem Recht mithalten.
- Expositionspfade: Menschen nehmen PFAS nicht nur über Trinkwasser auf, sondern auch über Nahrung, Luft und Kontaktmaterialien. Wassergrenzwerte müssen dies berücksichtigen.
- Anzahl der Substanzen: Soll man für jede der 10.000 PFAS einen Grenzwert festlegen? Oder nur für bekannte, toxikologisch gut charakterisierte Stoffe? Oder eine Summe?
- Technische Machbarkeit: Grenzwerte von 4 ng/L erfordern Aktivkohlefilter oder Umkehrosmose – Technologien, die für kleine Wasserversorger teuer sind.
Die Schweiz: Aktueller Stand und geplante Revision
Das Schweizer Lebensmittelrecht – umgesetzt über die Trinkwasser-Verordnung des Bundes, konkretisiert durch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) – enthält seit 2017 folgende Höchstwerte für Trinkwasser:
- PFOS: 0,3 µg/L (300 ng/L)
- PFHxS: 0,3 µg/L (300 ng/L)
- PFOA: 0,5 µg/L (500 ng/L)
Diese Werte gelten seit Jahren als veraltet. Das BAFU-Nationalgrundwassermessnetz (NAQUA) hat 2023 festgestellt, dass PFAS schweizweit im Grundwasser nachweisbar sind – die aktuellen Grenzwerte werden dabei an den meisten Messstellen eingehalten, an einzelnen jedoch überschritten.
Geplant ist eine Revision der Trinkwasserverordnung, die sich an der EU-Trinkwasserrichtlinie orientiert: Ein Summenparameter für 20 ausgewählte PFAS mit einem Höchstwert von 0,1 µg/L (100 ng/L) soll ab 2026 gelten. Das BLV hat jedoch mitgeteilt, dass die Anpassung während der laufenden politischen Diskussion noch nicht vollzogen worden ist. Die Schweiz hinkt bei der Grenzwertverschärfung gegenüber der EU damit vorläufig hinterher.
Die Europäische Union: Neue Trinkwasserrichtlinie ab 2026
Die EU hat mit der überarbeiteten Trinkwasserrichtlinie (Richtlinie 2020/2184) einen Paradigmenwechsel vollzogen, der am 12. Januar 2026 verbindlich in Kraft getreten ist:
- PFAS-20 (Summe von 20 prioritären PFAS-Verbindungen): Höchstwert 0,1 µg/L (100 ng/L)
- Gesamt-PFAS (alle detektierbaren PFAS): Höchstwert 0,5 µg/L (500 ng/L)
Die EU-Regelung gilt für alle 27 Mitgliedstaaten; die Schweiz ist als Nicht-EU-Mitglied nicht direkt gebunden, orientiert sich aber traditionell an EU-Standards. Die neue EU-Norm ist erheblich strenger als die bisherigen Schweizer Einzelwerte, aber noch deutlich weniger streng als die US-amerikanischen oder dänischen Grenzwerte.
Deutschland: Schärfere Umsetzung mit PFAS-4-Parameter
Deutschland hat die EU-Richtlinie mit der revidierten Trinkwasserverordnung (TrinkwV) vom 20. Juni 2023 in nationales Recht umgesetzt und dabei einen zusätzlichen Parameter eingeführt, der über die EU-Vorgaben hinausgeht:
- PFAS-20 Summe: 0,1 µg/L (100 ng/L), verbindlich ab 12. Januar 2026
- PFAS-4 Summe (PFOA + PFNA + PFHxS + PFOS): 0,02 µg/L (20 ng/L), verbindlich ab 12. Januar 2028
Der PFAS-4-Parameter basiert auf dem EFSA-Gutachten von 2020, das diese vier Verbindungen als besonders toxikologisch besorgniserregend eingestuft hat – sie machen laut EFSA rund 90 Prozent der PFAS-Körperlast beim Menschen aus. Der deutsche PFAS-4-Grenzwert von 20 ng/L ist ein europaweiter Massstab und erheblich strenger als der allgemeine EU-Summenparameter.
USA: Die strengsten verbindlichen Grenzwerte weltweit
Die US-amerikanische Umweltschutzbehörde EPA hat im April 2024 die bisher strengsten rechtlich verbindlichen Grenzwerte für PFAS im Trinkwasser der Welt in Kraft gesetzt:
- PFOA: 4 ng/L (Maximum Contaminant Level, MCL)
- PFOS: 4 ng/L
- PFHxS, PFNA, HFPO-DA: je 10 ng/L
- Hazard Index für Mischungen aus PFHxS, PFNA, HFPO-DA und PFBS: 1 (dimensionslos)
Der EPA-Grenzwert von 4 ng/L für PFOA und PFOS entspricht dem technisch erreichbaren Minimum (MCLG = 0, also kein sicherer Grenzwert bekannt). Wasserversorger haben bis 2027 Zeit für das initiale Monitoring und müssen bis 2029 vollständige Compliance erreichen. Der US-Ansatz ist wissenschaftlich ambitioniert und politisch kontrovers: Hunderttausende Wasserversorgungssysteme müssen investieren, um die Grenzwerte zu erfüllen.
Dänemark: Europas strengstes Trinkwasserrecht
Dänemark gilt als Vorreiter in Europa und hat den strengsten nationalen PFAS-Grenzwert für Trinkwasser der EU: 2 ng/L für PFAS-4. Dieser Wert ist aus dem EFSA-TWI von 4,4 ng/kg Körpergewicht/Woche unter Berücksichtigung der besonders vulnerablen Gruppe der Einjährigen abgeleitet worden, die über Säuglingsnahrung überproportional viel Wasser konsumieren.
Dänemark setzt diesen Grenzwert seit mehreren Jahren durch: Wasserwerke, die den Wert überschreiten, müssen schliessen oder mit Aufbereitungstechnologien nachrüsten. Das hat zu erheblichen Investitionen in Aktivkohlefiltration und Umkehrosmose geführt, aber auch zu einem breiten gesellschaftlichen Konsens über den Schutz der Wasserqualität.
Internationale Vergleichstabelle: PFAS-Grenzwerte im Überblick
| Land / Region | Parameter | Grenzwert | Rechtsgrundlage | In Kraft |
|---|---|---|---|---|
| Schweiz (aktuell) | PFOS, PFHxS (je einzeln) | 300 ng/L | Trinkwasser-Verordnung BLV | seit 2017 |
| Schweiz (aktuell) | PFOA (einzeln) | 500 ng/L | Trinkwasser-Verordnung BLV | seit 2017 |
| Schweiz (geplant) | PFAS-20 (Summe) | 100 ng/L | TW-V Revision, Orientierung EU | ab 2026 geplant |
| EU | PFAS-20 (Summe) | 100 ng/L | Trinkwasserrichtlinie 2020/2184 | ab 12.01.2026 |
| EU | Gesamt-PFAS | 500 ng/L | Trinkwasserrichtlinie 2020/2184 | ab 12.01.2026 |
| Deutschland | PFAS-20 (Summe) | 100 ng/L | TrinkwV 2023 | ab 12.01.2026 |
| Deutschland | PFAS-4 (PFOA+PFNA+PFHxS+PFOS) | 20 ng/L | TrinkwV 2023 (additiver Parameter) | ab 12.01.2028 |
| USA (EPA) | PFOA (einzeln) | 4 ng/L | PFAS National Primary Drinking Water Regulation | ab April 2024 (Compliance 2029) |
| USA (EPA) | PFOS (einzeln) | 4 ng/L | PFAS National Primary Drinking Water Regulation | ab April 2024 (Compliance 2029) |
| Dänemark | PFAS-4 (Summe) | 2 ng/L | Nationale Trinkwasserregelung | in Kraft |
Was die Grenzwerte in der Praxis bedeuten
Die Zahlen in der Tabelle wirken abstrakt – doch ihre praktischen Konsequenzen sind enorm. Ein Schweizer PFOS-Grenzwert von 300 ng/L bedeutet, dass Trinkwasser mit 299 ng/L PFOS gesetzeskonform und offiziell sicher ist. Dasselbe Wasser würde in den USA den MCL von 4 ng/L um den Faktor 75 überschreiten und wäre dort nicht verteilbar.
In der Schweiz hat das BAFU 2023 bei einer NAQUA-Messstelle eine PFOS-Konzentration über dem aktuellen Schweizer Grenzwert von 300 ng/L gemessen – ein Grenzwert, den die meisten anderen Länder als viel zu hoch erachten würden. Bei Anwendung des künftigen EU-Summengrenzwerts von 100 ng/L oder gar des dänischen PFAS-4-Werts von 2 ng/L wäre die Anzahl der Überschreitungen in der Schweiz deutlich höher.
Für die Wasserversorgung hat dies direkte Konsequenzen: Je strenger der Grenzwert, desto mehr Quellen und Fassungen müssen aufbereitet oder ausser Betrieb genommen werden. Aktivkohlefilter können PFAS effektiv reduzieren, sind aber kostenintensiv in Investition und Betrieb. Kleinere Gemeindewerke stehen vor erheblichen finanziellen Herausforderungen.
EFSA als wissenschaftliche Referenz
Die wissenschaftliche Grundlage der strengsten Grenzwerte ist das EFSA-Gutachten von 2020. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat darin eine tolerierbare wöchentliche Gesamtaufnahme (TWI) für PFAS-4 von 4,4 ng/kg Körpergewicht und Woche festgelegt. Dies ist erheblich niedriger als frühere EFSA-Werte und hat die Diskussion um Grenzwerte neu entfacht.
Aus dem EFSA-TWI leiten sich die Trinkwassergrenzwerte ab – je nachdem, welchen Anteil man dem Trinkwasser an der Gesamtexposition zurechnet und für welche vulnerable Personengruppe man den Grenzwert schützend auslegen will. Dänemark hat sich für den maximalen Schutz von Einjährigen entschieden und kommt so auf 2 ng/L. Die EU hat einen anderen Expositionsansatz gewählt und kommt auf 100 ng/L für PFAS-20.
Umweltgrenzwerte: Boden und Grundwasser
Neben Trinkwassergrenzwerten existieren in verschiedenen Ländern auch Grenzwerte für PFAS in Boden und Grundwasser, die für die Beurteilung belasteter Standorte (Altlasten) massgebend sind. In der Schweiz regelt die Altlasten-Verordnung (AltlV) die Untersuchungs- und Sanierungspflicht; spezifische PFAS-Prüfwerte für Boden und Grundwasser sind im Aufbau. Der Kanton Wallis und das BAFU arbeiten an verbindlichen Beurteilungswerten, die als Grundlage für Sanierungsentscheide dienen sollen.
In Deutschland hat die LAWA (Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser) Geringfügigkeitsschwellenwerte für PFAS im Grundwasser publiziert, die für die Altlastenbearbeitung herangezogen werden. Die EU-Grundwasserrichtlinie wird voraussichtlich ebenfalls PFAS-Qualitätsnormen einschliessen.
Warum die Schweiz nachziehen muss
Der Unterschied zwischen dem aktuellen Schweizer PFOS-Grenzwert (300 ng/L) und dem US-EPA-MCL (4 ng/L) ist nicht nur eine Frage des Schutzniveaus – er ist ein Indikator für den Stand der Grenzwertpolitik. Die Schweiz hat ihren Trinkwassergrenzwert seit 2017 nicht angepasst, obwohl die wissenschaftliche Evidenz zur PFAS-Toxizität seither massiv zugenommen hat.
Das BLV hat eine Revision angekündigt, die sich an der EU-Trinkwasserrichtlinie orientiert. Der geplante Summengrenzwert von 100 ng/L für PFAS-20 ab 2026 wäre ein erheblicher Schritt nach vorne – bleibt aber 25-mal weniger streng als der US-EPA-Wert für PFOA und PFOS. Ob die Schweiz langfristig einen eigenen PFAS-4-Parameter nach deutschem oder dänischem Vorbild einführen wird, ist politisch offen.
Fachleute des BAFU und unabhängige Experten weisen darauf hin, dass strengere Grenzwerte in der Schweiz technisch umsetzbar wären – sie erfordern jedoch Investitionen in die Trinkwasserinfrastruktur und eine politische Entscheidung, wie viel Schutz wie viel kostet.
FAQ
Was ist der aktuelle PFAS-Grenzwert im Schweizer Trinkwasser?
Die Schweiz hat derzeit Einzelgrenzwerte: PFOS und PFHxS je 300 ng/L, PFOA 500 ng/L (Stand 2017). Ein Summenparameter analog zur EU-Trinkwasserrichtlinie (100 ng/L für PFAS-20) ist ab 2026 geplant, aber vom BLV noch nicht in Kraft gesetzt worden.
Wie streng ist der EU-Grenzwert im Vergleich zur Schweiz?
Der neue EU-Grenzwert von 100 ng/L für die Summe von 20 PFAS (ab 12. Januar 2026) ist strenger als die bisherigen Schweizer Einzelwerte. Er liegt jedoch weit über dem US-Wert von 4 ng/L für PFOA und PFOS oder dem dänischen Wert von 2 ng/L für PFAS-4.
Warum hat die USA einen so viel strengeren Grenzwert als Europa?
Die US-EPA hat sich beim MCL für PFOA und PFOS am technisch erreichbaren Minimum orientiert (Zielwert MCLG = 0, kein sicherer Wert bekannt) und damit einen politisch und wissenschaftlich ambitionierten Ansatz gewählt. Die EU hat einen Kompromiss zwischen Schutzwirkung und Machbarkeit für alle Mitgliedstaaten gewählt.
Was bedeutet PFAS-4?
PFAS-4 bezeichnet die Summe der vier besonders toxikologisch relevanten PFAS: Perfluoroctansäure (PFOA), Perfluornonansäure (PFNA), Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS) und Perfluoroctansulfonsäure (PFOS). Diese vier Substanzen machen laut EFSA etwa 90 Prozent der menschlichen PFAS-Körperlast aus. Deutschland hat für PFAS-4 ab 2028 einen Grenzwert von 20 ng/L, Dänemark von 2 ng/L.
Welche Konsequenzen hätte ein strengerer Grenzwert für die Schweiz?
Bei Einführung eines Grenzwerts von 20 ng/L (wie Deutschland ab 2028) oder 4 ng/L (wie die USA) würden in der Schweiz deutlich mehr Grundwasserfassungen den Grenzwert überschreiten als heute. Wasserversorger müssten in Aufbereitungstechnologien investieren. Kleinere Gemeinden wären stärker betroffen als grosse städtische Versorger mit bestehenden Aufbereitungskapazitäten.
Gilt in der Schweiz auch der PFAS-4-Parameter wie in Deutschland?
Nein, die Schweiz hat bislang keinen PFAS-4-Summenparameter eingeführt. Die geplante Revision der Trinkwasserverordnung orientiert sich an der EU-Richtlinie (PFAS-20, 100 ng/L). Ein zusätzlicher PFAS-4-Parameter nach deutschem Vorbild ist in der Schweiz politisch bisher nicht beschlossen.
Quellen
- Bundesamt für Umwelt BAFU: PFAS im Grundwasser – NAQUA. bafu.admin.ch
- BAFU: PFAS vielerorts im Grundwasser, aktuelle Grenzwerte kaum überschritten (Medienmitteilung 2023). bafu.admin.ch
- 20 Minuten: Warum die Schweiz strengere PFAS-Grenzwerte vorerst verschiebt. 20min.ch
- Europäische Kommission: New EU rules limit PFAS in drinking water (Januar 2026). ec.europa.eu
- EU-Trinkwasserrichtlinie 2020/2184, Anhang I Parameter B.
- US EPA: PFAS National Primary Drinking Water Regulation (April 2024). epa.gov
- Federal Register: PFAS NPDWR Final Rule, 26. April 2024. federalregister.gov
- White & Case: New standards for drinking water in Germany – new limits for PFAS. whitecase.com
- Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS): Grenzwerte für PFAS in Kraft getreten. dakks.de
- EFSA: Risk to human health related to the presence of perfluoroalkyl substances in food, EFSA Journal 2020. (Basis für TWI 4,4 ng/kg/Woche PFAS-4)
- Eurowater: PFAS removal at Danish waterworks. eurowater.com
- HEAL (Health and Environment Alliance): PFAS: The policy landscape across Europe and beyond (2025). env-health.org (PDF)
- Kanton Wallis (SEN): PFAS – Anwendbare Werte. vs.ch
- Ökotoxzentrum: PFAS in der Umwelt – Infoblatt (2025). ökotoxzentrum.ch (PDF)
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