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PFAS auf Skipisten: Fluorhaltige Skiwachse und ihre Folgen für Bergseen

20. Juli 2026

Jedes Mal, wenn Ski über Schnee gleiten, verlieren die Beläge winzige Mengen Wachs. Bei fluorhaltigen Produkten bedeutet das: PFAS direkt auf der Piste, im Schmelzwasser und letztlich im Bergsee. Genau das hat die Forschungsanstalt Empa im März 2025 beim Engadin Skimarathon gemessen: erhöhte PFAS-Konzentrationen im Schnee, am höchsten direkt an der Startlinie, wo die Läuferinnen und Läufer mit frisch gewachsten Ski losfuhren.

Wie Skiwachs in die Umwelt gelangt

Das Prinzip ist simpel: Fluorhaltige Gleitwachse werden auf den Skibelag aufgetragen, um Reibung zu reduzieren. Beim Fahren reibt sich eine dünne Schicht ab. Diese Partikel setzen sich im Schnee fest. Wenn der Schnee im Frühling schmilzt, läuft das PFAS-belastete Wasser in Bäche, Seen und Grundwasser ab. Hochgelegene Bergseen wie jene im Engadin oder im Berner Oberland haben dabei keinen natürlichen Filter: Das Schmelzwasser versickert oder fliesst direkt ein, ohne zuvor nennenswert gereinigt zu werden.

Die Empa-Studie zeigte auch, dass die PFAS-Konzentration im Schnee nach zwei Kilometern Strecke deutlich abnimmt: Die Ski haben da den grössten Teil der fluorhaltigen Beschichtung bereits verloren. Das klingt zunächst beruhigend, ist es aber nicht. Es bedeutet nur, dass die grösste Belastung räumlich konzentriert ist, nicht dass weniger PFAS freigesetzt wird. Ein Skimarathon mit Tausenden Teilnehmenden bedeutet dann schlicht, dass sich diese Konzentration an einem einzigen Tag auf engem Raum im Schnee aufbaut. Beim Engadin Skimarathon starten regelmässig mehr als 10'000 Läuferinnen und Läufer. Die Startzone ist damit kurzfristig eine der am stärksten PFAS-belasteten Stellen im gesamten Kanton Graubünden.

FIS-Verbot: Was es bringt und was es nicht abdeckt

Der Internationale Skiverband FIS hat fluorhaltige Skiwachse ab der Saison 2023/2024 bei allen FIS-Rennen verboten. Wer damit erwischt wird, fliegt raus. Das klingt nach einem klaren Signal. Im Vergleich zum Gesamtbild ist der Effekt jedoch begrenzt.

  • FIS-Rennen: vollständiges Verbot, Kontrollen, Disqualifikation bei Verstoss
  • Freizeitbetrieb: kein bundesweites Verbot in der Schweiz, keine Kontrollen auf Loipen
  • Ältere Lagerbestände: viele Hobbysportler benutzen noch PFAS-haltige Wachse aus alten Vorräten
  • Skishops und Verleih: Umrüstung läuft, aber noch nicht flächendeckend abgeschlossen

Das BAFU hat in einem eigenen Bericht festgehalten, dass führende Skiwachshersteller inzwischen ihr Sortiment auf fluorfreie Produkte umgestellt haben. Das ist eine direkte Folge des FIS-Drucks und der in der EU und der Schweiz geplanten Chemikalienrestriktionen. Für den Detailhandel bedeutet das: Neue Produkte sind meist bereits fluorfreilich, aber ältere Lagerware ist noch auf dem Markt.

Fluorfrei vs. fluorhaltig: Vor- und Nachteile im Vergleich

Lange galt fluorhaltiges Wachs als unschlagbar im Leistungsbereich. Inzwischen hat sich das Bild differenziert. Hier ein direkter Vergleich beider Ansätze:

Fluorhaltige Skiwachse

  • Vorteil: Sehr gute Gleiteigenschaften, besonders bei feuchtem Neuschnee und wechselnden Bedingungen
  • Vorteil: Lange erprobt, im Profirennsport jahrzehntelanger Standard
  • Nachteil: PFAS akkumulieren in der Umwelt und im menschlichen Körper (keine Abbaubarkeit)
  • Nachteil: Im Profisport verboten, in der Schweiz bald reguliert
  • Nachteil: Beim Schleifen und Auftragen gesundheitsschädliche Dämpfe

Fluorfreie Skiwachse

  • Vorteil: Kein PFAS-Eintrag in Gewässer und Boden
  • Vorteil: Inzwischen in vielen Bedingungen ebenbürtig oder nahezu gleichwertig
  • Vorteil: Sicherer beim Verarbeiten, weniger giftige Dämpfe
  • Nachteil: Bei extremen Feuchtbedingungen teils noch leichte Abstriche bei der Performance
  • Nachteil: Erfordert genaues Wachsen je nach Temperatur und Schneetyp

Für den Freizeitbereich, also gut 99 Prozent aller Skitagesgäste, sind fluorfreie Produkte längst eine vollwertige Alternative. Der Leistungsunterschied, der im Profibereich relevant war, spielt beim Sonntagsausflug ins Engadin keine Rolle.

Was das BAFU und das BLV dazu sagen

Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) behandelt PFAS aus Skiwachs als Teil eines breiteren Chemikalienproblems. Die Schweiz orientiert sich an der EU-Gesetzgebung und arbeitet an zusätzlichen Restriktionen, die voraussichtlich ab 2026 in Kraft treten. Dazu gehört ein Höchstwert von 0.1 Mikrogramm pro Liter für die Summe von 20 ausgewählten PFAS im Trinkwasser.

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hat PFAS in Speisefischen aus Schweizer Gewässern gemessen. Das Ergebnis: PFAS liessen sich in allen untersuchten Fischproben nachweisen, und in einigen Fällen wurden die erlaubten Höchstgehalte überschritten. Das trifft Bergseen besonders, weil ihre Ökosysteme sensibler reagieren und Fische in solchen Gewässern nicht von aussen zugeführtem Trinkwasser profitieren, das gefiltert oder überwacht wird.

Ein weiteres Problem ist die Persistenz: PFAS bauen sich in der Natur praktisch nicht ab. Eine PFAS-Belastung, die heute durch Skiwachs entsteht, bleibt im Seesediment und in den dort lebenden Organismen über Jahrzehnte erhalten. Selbst wenn fluorhaltige Skiwachse morgen vollständig verboten würden, wäre die bereits eingetragene Menge aus vergangenen Saisons auf absehbare Zeit nicht aus den Bergseen zu entfernen. Das BAFU geht in seinem PFAS-Grundwassermonitoring (NAQUA) davon aus, dass PFAS an knapp der Hälfte aller Messstellen in der Schweiz nachweisbar sind. Für alpine Gewässer fehlen systematische Langzeitdaten, aber die Tendenz ist eindeutig.

Regionale Unterschiede in der Schweiz

Die PFAS-Belastung durch Skiwachs ist nicht überall gleich. Sie konzentriert sich auf Regionen mit intensivem Wintersportbetrieb:

  • Graubünden: Engadin, Davos, Arosa: hohe Dichte an Langlaufloipen und Skipisten mit historisch starkem Wachsmitteleinsatz im Rennsport
  • Berner Oberland: Wengen, Grindelwald, Adelboden: WeltcupRennen über Jahrzehnte, erhöhter Wachsauftrag durch Rennteams
  • Wallis: Zermatt, Saas-Fee: Gletscher als direkte Einzugsgebiete für Trinkwasserquellen
  • Uri, Obwalden: kleinere Skigebiete, aber hohe Sensibilität des Einzugsgebiets für Trinkwasserfassungen

In Kantonen wie Zürich oder Basel-Stadt läuft bereits aktives Monitoring: PFAS-Vorkommen in Gewässern und Boden werden systematisch erfasst. In alpinen Kantonen steht ein solches Monitoring für skigebietsspezifische Eintragsquellen erst am Anfang. Kanton Solothurn hat im Februar 2025 beschlossen, den Umgang mit PFAS-belasteten Standorten verbindlicher zu regeln, was zeigt, dass das Bewusstsein für das Problem wächst. Für Skiregionen bedeutet das: Es ist zu erwarten, dass in den nächsten Jahren mehr kantonale Daten zu Gewässerbelastungen in der Nähe von Skipisten und Langlaufloipen veröffentlicht werden.

Was du als Wintersportlerin oder Wintersportler tun kannst

Der Einzelne verursacht weniger Einträge als ein Weltcup-Servicewagen, aber im Kollektiv macht die Masse der Freizeitsportler den Unterschied. An einem einzigen Wochenendetag fahren in einem grossen Skigebiet wie Verbier oder Laax Zehntausende Menschen auf Ski. Wenn auch nur ein Teil davon fluorhaltiges Wachs auf dem Belag hat, summieren sich die PFAS-Einträge erheblich. Gerade in schneearmen Wintern, wenn der Schnee rasch schmilzt, ist der Weg ins Gewässer besonders kurz. Konkret:

  • Altes, fluorhaltiges Wachs aus dem Keller entsorgen: nicht in den Hausmüll, sondern zur Sonderabfallsammlung
  • Beim nächsten Kauf explizit nach fluorfreien Produkten fragen. Die Kennzeichnung 'PFAS-frei' oder 'fluorfrei' ist inzwischen auf vielen Produkten zu finden
  • Beim Skiverleiher nachfragen: Seriöse Verleihe haben auf fluorfreie Beläge und Wachse umgestellt
  • Kinder und Jugendliche früh mit fluorfreien Produkten ausrüsten: Nachwuchssportlerinnen und -sportler brauchen keinen Leistungsrückstand zu fürchten

Häufige Fragen

Sind alte Skiwachse aus dem Keller noch legal?

Ja, der Besitz ist aktuell noch legal. Ein allgemeines Verbot für Konsumprodukte ist in der Schweiz für 2026 in Vorbereitung. Bis dahin gilt: fluorhaltige Wachse sollten freiwillig durch fluorfreie Alternativen ersetzt und über die Sonderabfallentsorgung abgegeben werden.

Wie gefährlich sind PFAS im Bergsee wirklich?

PFAS reichern sich in Fischen und anderen Wasserorganismen an. Das BLV hat in Schweizer Speisefischen messbare Mengen nachgewiesen, teils über den Höchstwerten. Für Trinkwasser aus Bergseen oder deren Einzugsgebiet gelten ab 2026 strengere Grenzwerte. Langzeitwirkungen auf den Menschen betreffen Hormonsystem, Immunsystem und Leber.

Warum reicht das FIS-Verbot alleine nicht?

Das FIS-Verbot gilt nur für lizenzierte Wettkampfsportlerinnen und -sportler. Der weitaus grösste Teil der Skifläche wird täglich von Freizeitsportlerinnen beansprucht, für die es keine vergleichbare Pflicht gibt. Zudem gelten Lifte, Pistenfahrzeuge und Loipenpflege als separate Eintragsquellen, die noch kaum reguliert sind.

Welche Kantone untersuchen PFAS in Skipisten und Seen?

Systematische Untersuchungen gibt es bislang vor allem in Zürich und Basel-Stadt, die PFAS-Monitoring in Gewässern und Böden betreiben. Graubünden und Wallis haben nach Medienberichten einzelne Proben entnehmen lassen, ein flächendeckendes Kantonsmonitoring für skigebietsspezifische PFAS-Einträge fehlt noch.

Gibt es PFAS auch in Tourenschi-Belägen?

Ja. PFAS sind nicht nur im Wachs, sondern können auch in beschichteten Tourenschi-Belägen enthalten sein. Wer auf Touren geht und abseits präparierter Pisten unterwegs ist, trägt PFAS in unberührtere Gebiete. Auch hier raten Experten zu PFAS-freien Alternativen, die für Tourenski zunehmend verfügbar sind.

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