PFAS im Trinkwasser der Schweiz: Grenzwerte, Messungen und was Kantone tun
8. Juni 2026
Ende 2025 hätte die Schweiz ihre Trinkwasser-Grenzwerte für PFAS deutlich verschärfen sollen, parallel zur neuen EU-Trinkwasserrichtlinie. Doch die Umweltkommission des Ständerat bremste: Die Schweiz soll eigene, moeglicherweise noch strengere Werte erarbeiten, statt EU-Recht einfach zu übernehmen. Seitdem ist eine wichtige Frage offen: Wie gut ist Schweizer Leitungswasser tatsächlich geschützt?
Was sind PFAS und warum sind sie problematisch?
PFAS steht für per- und polyfluorierte Alkylverbindungen, eine Gruppe von mehr als 10.000 synthetischen Chemikalien. Sie wurden seit den 1950er-Jahren in Loeschmitteln, Beschichtungen, Textilien und vielen anderen Produkten eingesetzt. Der Grund: PFAS sind extrem stabil. Hitze, Säure, Fett und Wasser können sie kaum zersetzen. Genau deshalb heissen sie auch 'Ewigkeitschemikalien'.
Das Problem liegt in ihrer Beständigkeit. Einmal in die Umwelt gelangt, reichern sich PFAS im Boden, im Grundwasser und in Lebewesen an. Bestimmte Verbindungen wie PFOS oder PFOA stehen im Verdacht, das Immunsystem zu schwächen, Hormonstoerungen auszuloesen und das Krebsrisiko zu erhöhen. Internationale Behörden stufen mehrere PFAS als 'moeglicherweise' oder 'wahrscheinlich krebserregend' ein.
Was das BAFU in Schweizer Grundwasser gefunden hat
Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) betreibt mit NAQUA ein nationales Grundwasser-Beobachtungsnetz. Die Ergebnisse zeigen ein gemischtes Bild. PFAS wurden an fast der Hälfte aller Messstellen nachgewiesen. An rund einem Viertel der Stellen liegt die Summe von 26 analysierten PFAS über 0,01 Mikrogramm pro Liter (mcg/l). An rund 2 Prozent der Stellen wird der Wert von 0,1 mcg/l überschritten, also jener Summengrenze, die die EU ab 2026 verbindlich einführt.
Den heute noch geltenden Schweizer Höchstwert von 0,3 mcg/l für PFOS überschreitet laut BAFU aktuell nur eine einzige NAQUA-Messstelle. Das klingt beruhigend, täuscht aber: Dieser Grenzwert gilt nur für drei Einzelsubstanzen, während in der EU künftig 20 PFAS gemeinsam bewertet werden. Der direkte Vergleich hinkt deshalb erheblich.
Dort, wo erhöhte Werte gemessen werden, liegt die Ursache laut BAFU häufig in der Vergangenheit: Loeschmittel auf Flughäfen oder bei Feuerwehren, Deponien und industrielle Standorte haben PFAS über Jahrzehnte ins Grundwasser eingetragen.
Aktuelle Grenzwerte in der Schweiz
Die Trink-, Bade- und Duschwasserverordnung (TBDV) schreibt heute folgende Höchstwerte vor:
- PFOS: 0,3 mcg/l
- PFHxS: 0,3 mcg/l
- PFOA: 0,5 mcg/l
Diese Regelung gilt seit 2017. Sie erfasst nur drei Einzelverbindungen, während die Wissenschaft inzwischen weiss, dass auch niedrigschwellige Mischungen aus vielen PFAS gesundheitlich bedenklich sein können.
Die EU-Trinkwasserrichtlinie sieht ab Januar 2026 zwei neue Schwellenwerte vor: 0,1 mcg/l für die Summe von 20 PFAS sowie 0,5 mcg/l für die Summe aller messbaren PFAS. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hatte geplant, diese Werte in der Schweiz zeitgleich einzuführen. Ende 2025 wurde dieser Schritt jedoch vorerst gestoppt.
Warum die Schweiz die strengeren Grenzwerte verschoben hat
Die Umweltkommission des Ständerats (UREK-S) verlangte, dass der Bund keine blosse Übernahme des EU-Rechts vornimmt. Begründung: Die Grenzwerte für Trinkwasser sollten auf die Grenzwerte für Lebensmittel wie Fleisch und Milch abgestimmt werden, die ohnehin noch überarbeitet werden. Ausserdem wünscht sich die Kommission genügend Zeit, um allenfalls noch strengere Schweizer Werte festlegen zu können.
Das Resultat ist eine rechtliche Lücke: Die EU verschärft ab 2026, die Schweiz bleibt vorerst bei Standards aus dem Jahr 2017. Kritiker, darunter die Nichtregierungsorganisation Infosperber sowie Medien wie SRF, warnen, dass diese Verzögerung den Schutz der Bevölkerung schwäche. Das BLV betont hingegen, dass die geltenden Grenzwerte in der Praxis kaum überschritten werden und die Wasserqualität insgesamt gut sei.
Was einzelne Kantone unternehmen
Während der Bund diskutiert, handeln einige Kantone eigenständig. Der Kanton Zürich hat zwischen 2023 und 2024 insgesamt 114 Grundwasserfassungen auf PFAS untersucht. Die Ergebnisse wurden veroeffentlicht und dienen als Grundlage für gezielte Massnahmen in belasteten Gebieten.
Der Kanton Aargau hat ebenfalls frühzeitig reagiert. Auf seiner Webseite informiert der Kanton ausführlich über den Umgang mit PFAS bei belasteten Standorten und gibt Empfehlungen für Wasserversorger. Auch der Kanton Solothurn hat sich mit dem Thema befasst: Ein Regierungsratsbeschluss vom Februar 2025 zeigt, dass die Kantonsregierung PFAS-Messungen im Grundwasser verfolgt und politisch bewertet.
Auf nationaler Ebene hat das BAFU 2024 und 2025 zudem eine eigene Messkampagne für PFAS in Fliessgewässern gestartet: rund 140 Messstellen wurden beprobt, um ein vollständiges Bild der Belastung in Oberflächenwasser zu erhalten.
Was das für dein Leitungswasser bedeutet
Für die meisten Haushalte in der Schweiz gilt: Das Leitungswasser ist sicher. Die überwiegende Mehrzahl der Wasserversorger liegt mit ihren Werten weit unterhalb der heutigen Höchstmengen, und laut BLV können die meisten auch die geplanten neuen Grenzwerte bereits einhalten. Die geplante Verschärfung wäre also kein Zeichen einer akuten Krise, sondern ein vorsorglicher Schritt im Sinn des Gesundheitsschutzes.
Kritischer ist die Situation in der Nähe von ehemaligen Militärflugplätzen, Industriestandorten und Deponien, wo PFAS-haltige Loeschmittel zum Einsatz kamen. Dort empfehlen kantonale Behörden in Einzelfällen, das Grundwasser nicht direkt zu nutzen, bis weitere Analysen vorliegen.
Es lohnt sich, beim eigenen Wasserversorger nach aktuellen Analysedaten zu fragen. In der Schweiz sind Trinkwasserversorger verpflichtet, regelmässig zu testen und die Resultate zugänglich zu machen.
Häufige Fragen
Sind PFAS im Schweizer Trinkwasser gefährlich?
Für die grosse Mehrheit der Haushalte liegt die PFAS-Belastung im Trinkwasser weit unter den geltenden Grenzwerten. Gesundheitliche Risiken entstehen vor allem bei langjähriger Aufnahme höher belasteten Wassers, etwa in der Nähe von Industriestandorten oder Militärflugplätzen. Wer sicher sein will, kann beim Wasserversorger nach aktuellen Messwerten fragen.
Welche PFAS-Grenzwerte gelten in der Schweiz?
Aktuell schreibt die TBDV Höchstwerte für drei Einzelsubstanzen vor: 0,3 mcg/l für PFOS und PFHxS sowie 0,5 mcg/l für PFOA. Die geplante Anpassung an den EU-Summenwert von 0,1 mcg/l für 20 PFAS wurde Ende 2025 vertagt. Wann neue Grenzwerte kommen, ist noch offen.
Warum hat die Schweiz die EU-Grenzwerte nicht übernommen?
Die Umweltkommission des Ständerats möchte, dass die Schweiz eigene, moeglicherweise strengere Werte erarbeitet, statt EU-Recht direkt zu übernehmen. Ausserdem sollen die Trinkwasser-Grenzwerte auf die Grenzwerte für Lebensmittel abgestimmt werden, die ebenfalls noch in Überarbeitung sind.
Welche Kantone messen PFAS im Grundwasser?
Mehrere Kantone führen eigene Untersuchungen durch. Zürich hat 114 Grundwasserfassungen analysiert (2023-2024), Aargau hat spezielle Leitlinien für belastete Standorte herausgegeben, und Solothurn hat das Thema politisch behandelt. Auf Bundesebene koordiniert das BAFU die nationale Überwachung über das NAQUA-Messnetz.
Wie kann ich wissen, ob mein Trinkwasser PFAS enthält?
Frag direkt bei deinem Wasserversorger nach. In der Schweiz sind Wasserversorger gesetzlich verpflichtet, das Trinkwasser regelmässig zu analysieren und die Resultate auf Anfrage mitzuteilen. Viele Gemeinden und Stadtwerke veröffentlichen die Messwerte auch auf ihren Webseiten.
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