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PFAS und Schwangerschaft / Stillzeit

16. Mai 2026

Warum sind Schwangere und Stillende besonders betroffen?

Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) sind synthetische Chemikalien, die sich in der Umwelt kaum abbauen und sich über Jahrzehnte im menschlichen Körper ansammeln können. Für schwangere Frauen und Stillende stellt diese Persistenz ein besonderes Problem dar: PFAS passieren die Plazentaschranke und werden über die Muttermilch an den Säugling weitergegeben. Das ungeborene Kind und der Säugling befinden sich in einer Phase rasanter Entwicklung, in der Organe, das Immunsystem, das Hormonsystem und das Nervensystem besonders empfindlich auf Störungen reagieren. Gleichzeitig ist der werdende Nachwuchs diesen Substanzen in einer kritischen Lebensphase ausgesetzt, in der er noch keine Möglichkeit hat, die Belastung selbst zu reduzieren.

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) weist darauf hin, dass PFAS zu den Kontaminanten zählen, die im Kontext von Schwangerschaft und Stillzeit besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. (BLV, PFAS in Lebensmitteln)

PFAS überqueren die Plazentaschranke

Die Plazenta ist kein vollständiger Filter. Perfluoroctansäure (PFOA), Perfluoroctansulfonat (PFOS), Perfluornonansäure (PFNA) und Perfluorhexansulfonat (PFHxS) sind in der Lage, die Plazentaschranke zu passieren und in den fetalen Kreislauf einzutreten. Studien belegen, dass PFAS im Nabelschnurblut in Konzentrationen nachweisbar sind, die in derselben Grössenordnung liegen wie die Konzentration im mütterlichen Blut.

Eine 2025 publizierte Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) untersuchte mithilfe eines dreidimensionalen Plazenta-Modells, wie PFAS-Gemische die Entwicklung und Funktionalität der Plazenta beeinflussen. Die Ergebnisse, veröffentlicht im Fachjournal Environmental Research (DOI 10.1016/j.envres.2025.123037), zeigen, dass PFAS die Plazentafunktion insbesondere in den ersten 90 Tagen der Schwangerschaft stören können – genau in jener Phase, in der sich die Organe des Kindes zu formen beginnen. Eine gestörte Plazenta kann zu reduziertem Nährstoff- und Sauerstofftransport, erhöhtem Fehlgeburtsrisiko und vermindertem Geburtsgewicht führen. (UFZ, PFAS und Plazentaentwicklung, 2025)

Die Studienleiterin Dr. Violeta Stojanovska betonte, dass die Expositionsdynamik gegenüber PFAS im ersten Trimester der Schwangerschaft dringend detaillierter dokumentiert werden müsse, da die bisherigen Daten noch erhebliche Wissenslücken aufweisen.

Was sagt die EFSA zum Schutz von Schwangeren und Säuglingen?

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2020 für vier PFAS – PFOA, PFOS, PFNA und PFHxS – gemeinsam einen tolerierbaren wöchentlichen Aufnahmewert (TWI) von 4,4 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Woche festgelegt. Dieser Wert wurde ausdrücklich so abgeleitet, dass er auch für Säuglinge gilt, die via Muttermilch exponiert werden: Als Grundlage diente ein pharmakokinetisches Modell, das annimmt, dass ein Säugling 12 Monate lang gestillt wird. Daraus wurde berechnet, bei welcher mütterlichen PFAS-Aufnahme der Säugling im Blut Konzentrationen erreicht, die mit einer verminderten Impfantwort assoziiert sind – dem kritischsten dokumentierten Gesundheitsendpunkt. (EFSA, 2020)

Der gewählte Endpunkt – die verminderte Immunantwort auf Impfungen – ist für Säuglinge besonders relevant, da Impfungen in den ersten Lebensmonaten einen grossen Teil des Immunschutzes in dieser vulnerablen Phase gewährleisten. Bereits bei PFAS-Blutspiegeln, die unterhalb der HBM-II-Grenzwerte liegen, konnten in epidemiologischen Studien niedrigere Antikörpertiter nach Standardimpfungen gemessen werden.

Die EFSA kam zu dem Schluss, dass relevante Teile der europäischen Bevölkerung – darunter viele schwangere Frauen – den TWI überschreiten. Dies bestätigt die Ergebnisse der Schweizer BAG-Pilotstudie (2025), in der 41 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter Blutkonzentrationen oberhalb des EFSA-Schwellenwerts aufwiesen. (BAG, Human Biomonitoring Pilotphase)

PFAS in der Muttermilch: internationale Forschungslage

PFAS sind in der Muttermilch praktisch weltweit nachweisbar. Internationale Studien zeigen, dass PFOS und PFOA die am häufigsten nachgewiesenen Verbindungen in der Muttermilch sind. Die Übertragung von PFAS auf den Säugling über das Stillen kann erheblich sein: Schätzungen zufolge entfallen auf die Muttermilch bis zu 94 Prozent der gesamten PFAS-Aufnahme von gestillten Säuglingen. (PMC, PFAS in Breast Milk and Infant Formula, 2023)

Eine umfassende Übersichtsarbeit in Archives of Toxicology (2025) analysierte die vorliegenden Daten zur PFAS-Konzentration in Muttermilch und zur Säuglingsexposition durch das Stillen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Konzentrationen der regulierten Altverbindungen PFOS und PFOA in den vergangenen Jahrzehnten leicht gesunken sind, während die Nachweispraten neuerer, kurzkettigerer PFAS-Ersatzstoffe steigen – ein Muster, das aus der Biomonitoring-Forschung bei Erwachsenen bekannt ist. (Archives of Toxicology, 2025)

Was bedeutet das für die Empfehlung zum Stillen? Gesundheitsbehörden weltweit, darunter die WHO und das BLV, betonen ausdrücklich, dass die Vorteile des Stillens die Risiken einer PFAS-Exposition in den meisten Fällen überwiegen. Muttermilch liefert Antikörper, Wachstumsfaktoren und Nährstoffe, die durch keine Säuglingsnahrung vollständig ersetzt werden können. Der Ratschlag, auf das Stillen zu verzichten, um die PFAS-Exposition zu reduzieren, wird von keiner Schweizer oder europäischen Gesundheitsbehörde gegeben. (BLV, Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit)

Dokumentierte Gesundheitswirkungen bei Neugeborenen und Kindern

Mehrere gut dokumentierte Gesundheitseffekte bei Neugeborenen und Kindern wurden mit pränataler oder neonataler PFAS-Exposition in Verbindung gebracht:

  • Reduziertes Geburtsgewicht: Mehrere Kohortenstudien haben einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen erhöhten mütterlichen PFAS-Blutspiegeln und niedrigerem Geburtsgewicht sowie kleinerem Kopfumfang nachgewiesen.
  • Verminderte Impfantwort: Kinder, die pränatal oder über Muttermilch höheren PFAS-Konzentrationen ausgesetzt waren, zeigten in Studien niedrigere Antikörpertiter nach Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus und andere Erreger.
  • Schilddrüsenstörungen: PFAS können die Schilddrüsenhormonspiegel sowohl bei Müttern als auch bei Neugeborenen beeinflussen. Da Schilddrüsenhormone für die Hirnentwicklung essenziell sind, ist eine Störung in dieser Phase mit besonderem Risiko verbunden.
  • Mammdrüsenentwicklung: Tierstudien haben Hinweise auf eine Beeinträchtigung der Mammdrüsenentwicklung durch PFOA ergeben, was langfristige Auswirkungen auf die Stillkapazität von Töchtern haben könnte, die pränatal exponiert waren.
  • Neurologische Entwicklung: Erste Studien deuten auf Zusammenhänge zwischen PFAS-Exposition und Aufmerksamkeitsstörungen sowie sprachlicher Entwicklung hin, wenngleich die Datenlage hier noch weniger konsistent ist als bei den Immuneffekten.

Die EFSA schloss in ihrer Risikobewertung, dass PFOS, PFOA, PFNA und PFHxS Entwicklungsstörungen verursachen sowie das Cholesterin im Blut erhöhen, die Leber und das Immunsystem schädigen und das Geburtsgewicht reduzieren können. (EFSA, PFAS)

Gesundheitliche HBM-Werte in der Schwangerschaft

Für die klinische Einordnung von PFAS-Messwerten bei Schwangeren gelten in der Schweiz mangels eigener nationaler Werte die deutschen HBM-Werte des Umweltbundesamts als Orientierung. Besonders relevant ist der HBM-II-Wert für Frauen im gebärfähigen Alter:

Substanz HBM-I (µg/L Plasma) HBM-II Frauen gebärfähig (µg/L Plasma) HBM-II andere (µg/L Plasma)
PFOA 2 5 10
PFOS 5 10 20

Bei Überschreitung des HBM-II-Werts wird eine ärztliche Beratung sowie eine aktive Reduktion der Exposition empfohlen. Für schwangere Frauen wird der HBM-II-Wert als besonders dringlich angesehen, da eine Reduktion der mütterlichen PFAS-Konzentration direkt die fetale Exposition senkt. (Umweltbundesamt, HBM-Werte)

Expositionspfade während Schwangerschaft und Stillzeit

Schwangere und stillende Frauen nehmen PFAS auf denselben Wegen auf wie andere Erwachsene, jedoch mit dem Unterschied, dass jede aufgenommene Menge direkt die Belastung des ungeborenen Kindes oder des Säuglings beeinflusst:

  • Nahrung: Fisch aus belasteten Gewässern, Leber und fetthaltiges Fleisch sowie Eier aus Gebieten mit PFAS-kontaminiertem Boden stellen die wichtigsten Nahrungsquellen dar. Das BLV empfiehlt Schwangeren generell, Fisch aus belasteten Binnengewässern zu meiden und Thunfisch nur in Massen zu konsumieren.
  • Trinkwasser: In der Schweiz werden lokal erhöhte PFAS-Konzentrationen im Trinkwasser insbesondere in der Nähe ehemaliger Militärareale, Feuerwehrübungsgeländen und Industriestandorten gemessen. Das BAFU empfiehlt Betroffenen, die aktuellen Messwerte der lokalen Wasserversorger zu erfragen. (BAFU, PFAS)
  • Kochgeschirr und Verpackungen: PFAS-haltige Antihaftbeschichtungen können bei Beschädigung PFAS abgeben. Auch bestimmte Lebensmittelverpackungen, insbesondere Fettbarrierenbeschichtungen bei Fastfood-Tüten und Mikrowellen-Popcornbeuteln, können PFAS enthalten.
  • Haushaltsprodukte: Textilsprays mit Wasserabweisern (z.B. auf Basis von PTFE oder C6-Fluortelomeren), Reinigungsmittel und Kosmetika können zur Hintergrundbelastung beitragen.

Schweizer Regulierung: Was hat sich seit 2024 verändert?

Seit Anfang 2024 gelten in der Schweiz Höchstwerte für die wichtigsten PFAS in Lebensmitteln tierischer Herkunft (Eier, Fleisch, Fisch, Schalen- und Weichtiere). Das BLV hat diese Grenzwerte im Rahmen einer Anpassung der Fremd- und Inhaltsstoffverordnung eingeführt, um die EU-Regulierung zu übernehmen. Eine Marktkontrollkampagne im November 2025 untersuchte rund 900 Proben von Fleisch, Fisch und Eiern: PFAS waren in allen Kategorien nachweisbar, 7 Proben (0,8 %) überschritten die gesetzlichen Höchstwerte. Der Befund zeigt, dass es kein flächendeckendes Problem mit Grenzwertüberschreitungen gibt, jedoch lokale Kontaminationen auftreten können. (BLV, PFAS)

Für Trinkwasser überprüft das BLV derzeit die Höchstwerte für PFAS im Rahmen der Angleichung an EU-Vorgaben. In der EU gilt seit 2023 ein Summengrenzwert von 0,1 µg/L für 20 PFAS im Trinkwasser sowie ein Parameterwert von 0,5 µg/L für alle messbaren PFAS. Die Schweizer Regulierung soll mittelfristig auf ein vergleichbares Niveau angehoben werden.

Empfehlungen für Schwangere und Stillende in der Schweiz

Das BLV und das BAG geben gegenwärtig keine spezifischen PFAS-bezogenen Ernährungsempfehlungen für Schwangere über die allgemeinen Lebensmittelsicherheitsempfehlungen hinaus. Auf Basis der verfügbaren Forschung lassen sich jedoch folgende evidenzbasierte Hinweise ableiten:

  • Fisch aus Binnengewässern: Schwangere und stillende Frauen sollten Fisch aus Gewässern meiden, für die Konsumwarnungen wegen PFAS bestehen. Meeresfisch aus unkontaminierten Fanggebieten ist weiterhin eine gesunde Wahl (Omega-3-Fettsäuren, Jod).
  • Kochgeschirr: Beschädigtes Antihaftkochgeschirr ersetzen; Edelstahl, Gusseisen oder Keramik bevorzugen.
  • Trinkwasser: Bei Wohnsitz in der Nähe bekannter PFAS-Belastungsquellen (Militärareale, Industrie, Feuerwehrübungsgelände) aktuelle Messwerte der Wasserversorger erfragen und gegebenenfalls einen zertifizierten Aktivkohlefilter einsetzen.
  • Verpackungen: Stark verpackte Fertiggerichte, Fast Food und Mikrowellenprodukte in verdächtigen Verpackungen reduzieren.
  • Stillen beibehalten: Trotz PFAS-Übertragung über die Muttermilch wird vom Stillen nicht abgeraten. Die gesundheitlichen Vorteile des Stillens überwiegen nach aktuellem wissenschaftlichem Stand die Risiken einer PFAS-Exposition über die Muttermilch.

Häufige Fragen

Sollte ich wegen PFAS auf das Stillen verzichten?

Nein. Keine Schweizer oder europäische Gesundheitsbehörde empfiehlt, wegen PFAS-Belastung auf das Stillen zu verzichten. Die positiven Wirkungen der Muttermilch auf Immunsystem, Ernährung und Bindung überwiegen nach aktuellem Wissensstand die Risiken durch PFAS-Übertragung. Wenn Sie konkrete Sorgen haben, sprechen Sie mit Ihrer Hebamme oder Ihrem Kinderarzt.

Kann ich meinen PFAS-Blutspiegel vor einer Schwangerschaft messen lassen?

Ja, grundsätzlich können Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz eine PFAS-Blutuntersuchung anordnen. Ein Routine-Screening vor der Schwangerschaft wird derzeit nicht empfohlen, kann aber bei besonderer beruflicher oder geografischer Exposition sinnvoll sein. Sprechen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt darauf an.

Sind die PFAS-Werte in der Muttermilch gefährlich?

Die in der Muttermilch gefundenen PFAS-Konzentrationen liegen im bevölkerungsweiten Durchschnitt unterhalb der Werte, bei denen akute Gesundheitsschäden beim Säugling dokumentiert wurden. Langzeiteffekte, insbesondere auf das Immunsystem und die hormonelle Entwicklung, werden weiter erforscht. Das Stillen wird weiterhin empfohlen.

Welche PFAS sind in der Muttermilch am häufigsten?

PFOS und PFOA sind historisch die am häufigsten in der Muttermilch gemessenen PFAS. Da beide Substanzen reguliert wurden, sinken ihre Konzentrationen langsam. Neuere, kurzkettige PFAS-Ersatzstoffe werden jedoch häufiger nachgewiesen. Die vollständige toxikologische Bewertung dieser Ersatzstoffe steht noch aus.

Welche Nahrungsmittel sollte ich während der Schwangerschaft meiden?

Das BLV empfiehlt Schwangeren allgemein, Fisch aus belasteten Schweizer Binnengewässern und grosse Raubfische wie Thunfisch nur in Massen zu konsumieren. Fisch aus unbelasteten Gewässern und Meeresfisch sind weiterhin wichtige Quellen für Omega-3-Fettsäuren und Jod und sollten nicht generell gemieden werden.

Kann PFAS-Belastung zu Fehlgeburten führen?

Tierstudien und neuere In-vitro-Modelle der Plazentaentwicklung geben Hinweise darauf, dass hohe PFAS-Konzentrationen das Fehlgeburtsrisiko erhöhen können. Für den bevölkerungsweiten Durchschnittswert an PFAS im Blut ist ein kausaler Zusammenhang beim Menschen bisher nicht eindeutig belegt. Die Forschung läuft; erste Schwangerschaftskohorten werden derzeit ausgewertet.

Was macht das BAFU gegen PFAS-Quellen in der Schweiz?

Das BAFU hat eine Standortkartierung PFAS-belasteter Flächen vorgenommen und koordiniert deren Sanierung. Militärareale, Flughäfen und Industriestandorte mit PFAS-Altlasten werden nach und nach erfasst und remediert. Der Prozess dauert aufgrund der Komplexität und der Anzahl der Standorte mehrere Jahrzehnte.

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