Schweizer Human-Biomonitoring zu PFAS
16. Mai 2026
Was misst Human-Biomonitoring bei PFAS?
Human-Biomonitoring (HBM) ist die systematische Messung von Schadstoffen oder deren Abbauprodukten in menschlichen Körperflüssigkeiten wie Blut, Urin oder Muttermilch. Bei per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) konzentriert sich das Biomonitoring vor allem auf Blutserum und Blutplasma, weil sich PFAS – bedingt durch ihre ausserordentliche chemische Stabilität – bevorzugt an Blutproteine binden und dort über Monate und Jahre nachweisbar bleiben. Anders als viele andere Schadstoffe werden PFAS vom Körper kaum abgebaut; ihre biologischen Halbwertszeiten reichen von wenigen Tagen (bei kurzlettigen Verbindungen) bis zu mehreren Jahren (bei PFOS und PFOA).
Im Biomonitoring-Kontext werden in der Schweiz und in der EU vor allem vier Leitsubstanzen untersucht: Perfluoroctansäure (PFOA), Perfluoroctansulfonat (PFOS), Perfluornonansäure (PFNA) und Perfluorhexansulfonat (PFHxS). Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat für diese vier Verbindungen gemeinsam einen tolerierbaren wöchentlichen Aufnahmewert (TWI) von 4,4 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Woche festgelegt. Der TWI ist kein Grenzwert für Blutkonzentrationen, sondern ein Massstab für die Aufnahme über Nahrung, Trinkwasser und Atemluft. Er dient als Referenz, um zu beurteilen, ob gemessene Blutbelastungen besorgniserregend sind. (EFSA, 2020)
Die Schweizer Pilotstudie: Ergebnisse aus über 700 Blutproben
Im Rahmen der Pilotphase der Schweizer Gesundheitsstudie – durchgeführt im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) – wurden im Jahr 2023 erste Ergebnisse publiziert, eine detaillierte wissenschaftliche Auswertung der PFAS-Daten folgte 2025 im Fachblatt Environment International. Knapp 800 gesunde Erwachsene im Alter von 20 bis 69 Jahren aus den Kantonen Bern und Waadt wurden untersucht. Das Ergebnis ist klar: Praktisch alle Teilnehmenden wiesen PFAS im Blut auf. Insgesamt wurden 30 verschiedene PFAS-Verbindungen gemessen; fünf davon liessen sich in 95 Prozent aller Proben nachweisen. Am häufigsten gefunden wurde PFOS, gefolgt von PFOA und PFHxS. (BAG, Human Biomonitoring Pilotphase)
Besonders alarmierend: Bei 57 Prozent der Teilnehmenden lagen die PFAS-Gesamtkonzentrationen im Blut oberhalb der Unbedenklichkeitsgrenze, die sich aus dem EFSA-TWI ableiten lässt. Für Frauen im gebärfähigen Alter war die Situation noch deutlicher: Bei 41 Prozent dieser Gruppe wurden PFAS-Konzentrationen gemessen, die den EFSA-Schwellenwert für mögliche Beeinträchtigungen des Immunsystems überschreiten. Die in der Schweizer Pilotstudie gemessenen Konzentrationen lagen insgesamt in einem Bereich, der mit Ergebnissen ähnlicher Studien in anderen europäischen Ländern und Kanada vergleichbar ist. (Tages-Anzeiger, Pilotstudie)
HBM-I und HBM-II: Was bedeuten diese Bewertungswerte?
Für die gesundheitliche Einordnung von PFAS-Messwerten im Blut werden in Deutschland und der Schweiz die HBM-Werte der deutschen Kommission für Human-Biomonitoring beim Umweltbundesamt (UBA) herangezogen, da die Schweiz keine eigenen abgeleiteten HBM-Werte für PFAS publiziert hat. Diese Werte sind in zwei Stufen unterteilt:
- HBM-I-Wert: Unterhalb dieses Wertes ist nach aktuellem Wissensstand keine Gesundheitsgefährdung zu erwarten. Es besteht kein unmittelbarer Handlungsbedarf. Für PFOA im Blutplasma liegt der HBM-I-Wert bei 2 µg/L (2 ng/mL), für PFOS bei 5 µg/L.
- HBM-II-Wert: Oberhalb dieses Wertes ist mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit gesundheitlicher Beeinträchtigungen zu rechnen. Für Frauen im gebärfähigen Alter gilt für PFOA ein HBM-II-Wert von 5 µg/L und für PFOS von 10 µg/L. Für andere Bevölkerungsgruppen liegen die Werte bei 10 µg/L (PFOA) und 20 µg/L (PFOS). Bei Überschreitung dieses Wertes sind ärztliche Beratung und aktive Expositionsminderung angezeigt.
Diese Werte werden nicht statistisch abgeleitet, sondern basieren auf toxikologischen und epidemiologischen Studien. Sie helfen Ärzten und Behörden, individuelle Messergebnisse einzuordnen und die Bevölkerung zu beraten. (Umweltbundesamt, HBM-Werte)
Empa und Eawag: Schweizer Forschungsbeiträge zu PFAS
Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) und das Wasserforschungsinstitut Eawag leisten wesentliche Beiträge zum Verständnis der PFAS-Belastung in der Schweiz. Während die Eawag den Schwerpunkt auf Vorkommen und Verhalten von PFAS in Gewässern legt – einschliesslich Grundwasser, Seen und Fliessgewässern –, untersucht die Empa vor allem die Wechselwirkungen von PFAS mit dem menschlichen Körper und die Expositionspfade. (Empa, PFAS-Wirkung auf Mensch und Umwelt)
Die Eawag hat in mehreren Studien belegt, dass PFAS im schweizerischen Trinkwasser und in Oberflächengewässern verbreitet nachweisbar sind. Besonders betroffen sind Gebiete in der Nähe von Militärflugplätzen, Industriestandorten und Feuerwehrübungsgeländen, wo historisch PFAS-haltige Löschschäume eingesetzt wurden. Auch in den Kantonen Wallis, Basel, Zürich und St. Gallen wurden erhöhte Belastungen in Gewässern und Grundwasser dokumentiert. (Eawag, PFAS in der Umwelt)
Im Oktober 2024 organisierten Empa und Eawag gemeinsam eine nationale Fachveranstaltung, an der Forschende, Industrie, Behörden und Politikerinnen zusammenkamen, um aktuelle Erkenntnisse zur PFAS-Problematik in der Schweiz auszutauschen und koordinierte Massnahmen zu diskutieren. Dies unterstreicht den wachsenden institutionellen Stellenwert des Themas. (Empa, PFAS-Event)
Wie gelangt PFAS in den menschlichen Körper?
Die Aufnahme von PFAS erfolgt auf mehreren Wegen gleichzeitig:
- Nahrung: Fisch, Fleisch, Eier und in geringerem Mass auch Gemüse können PFAS enthalten, insbesondere wenn sie aus belasteten Regionen stammen. In der Schweiz hat das BLV seit 2024 Höchstwerte für bestimmte PFAS in Lebensmitteln tierischer Herkunft eingeführt. (BLV, PFAS in Lebensmitteln)
- Trinkwasser: In der Nähe belasteter Standorte kann Trinkwasser erhöhte PFAS-Konzentrationen aufweisen. Die Vkcs-Trinkwasserkampagne 2023 zeigte, dass in der Schweiz regional nennenswerte Konzentrationen auftreten können.
- Hausstaub und Raumluft: PFAS-haltige Materialien in Innenräumen (z.B. Teppiche, Kochgeschirr, Verpackungen) können zu einer Hintergrundbelastung beitragen.
- Berufliche Exposition: Personen, die regelmässig mit PFAS-haltigen Produkten oder in belasteten Umgebungen arbeiten, können höhere Körperbelastungen aufweisen.
Gesundheitliche Wirkungen: Was zeigen Studien?
Die EFSA kam in ihrer Risikobewertung von 2020 zu dem Schluss, dass PFOS, PFOA, PFNA und PFHxS verschiedene gesundheitliche Beeinträchtigungen verursachen können. Als kritischer Gesundheitsendpunkt wurde eine verminderte Immunantwort auf Impfungen identifiziert – ein Befund, der besonders relevant für Säuglinge und Kleinkinder ist, da ihr Immunsystem noch in der Entwicklung ist. Weitere dokumentierte Wirkungen umfassen:
- Erhöhung von Blutcholesterin (insbesondere LDL)
- Veränderungen der Leberfunktion
- Hormonelle Störungen (Schilddrüse, Sexualhormone)
- Reduziertes Geburtsgewicht bei pränataler Exposition
- Mögliche Zusammenhänge mit bestimmten Krebserkrankungen (IARC stufte PFOA 2023 als Gruppe 1 – «sicher krebserregend beim Menschen» – ein)
PFAS sind nicht alle gleich: Langkettige Verbindungen wie PFOA und PFOS sind weitaus persistenter und bioakkumulativer als kurzkettige Alternativen. Gleichwohl werden auch kurzkettigen PFAS zunehmend gesundheitlich relevante Eigenschaften zugeschrieben; aktuelle Forschung zeigt, dass deren Detektionsraten in Biomonitoring-Studien steigen, während die Konzentrationen der regulierten Altverbindungen langsam sinken. (EFSA, PFAS)
Abbruch der Langzeitstudie: Politische Kontroverse in der Schweiz
Ursprünglich war aus der BAG-Pilotstudie ein umfassendes Langzeitmonitoring unter dem Titel «Schweizer Gesundheitsstudie» entstehen sollen – ein Programm, das die Belastung der Bevölkerung mit PFAS, Pestiziden und anderen Schadstoffen über Jahre hinweg systematisch erfasst hätte. Im Jahr 2025 entschied das BAG jedoch, dieses Vorhaben aus Budgetgründen zu stoppen. Die Entscheidung stiess in der Wissenschaftsgemeinschaft und in der Öffentlichkeit auf scharfe Kritik. Forschende bezeichneten den Schritt als «absolut fahrlässige Politik», da man ohne Langzeitdaten keine belastbaren Aussagen über Trends, Risiken und die Wirksamkeit von Regulierungsmassnahmen machen könne. (SRF, Bund stoppt PFAS-Studie)
SRF Wissen berichtete ausführlich über den Entscheid und seine Folgen. Die Debatte illustriert das Spannungsfeld zwischen Kosteneinsparungen im Bundeshaushalt und dem wissenschaftlichen Bedarf an kontinuierlichem Monitoring – gerade bei Substanzen, deren Gesundheitsfolgen erst nach Jahren oder Jahrzehnten sichtbar werden. (SRF, Studie gestrichen)
Schweiz im europäischen Vergleich
Die Schweizer Blutkonzentrationen liegen im europäischen Mittelfeld. Studien aus Deutschland, Österreich, Frankreich und den nordischen Ländern zeigen ein ähnliches Bild: PFAS sind in der Blutbahn praktisch aller erwachsenen Menschen nachweisbar, wenngleich die Konzentrationen stark nach Region, Alter, Ernährungsgewohnheiten und beruflicher Exposition variieren. In Ländern mit historisch stark belasteten Standorten – wie etwa in der Nähe grösser Industriezonen oder Militärflugplätzen – fallen die Werte deutlich höher aus. Die Schweizer Pilotstudie belegt, dass die Alpenrepublik trotz ihres Rufs sauberer Natur keineswegs PFAS-frei ist.
Das BAFU hat in den vergangenen Jahren eine umfassende Kartierung PFAS-belasteter Standorte vorgenommen. Allein im Kanton Wallis sind mehrere Hotspots bekannt, darunter Bereiche nahe Militärarealen und der Industrieanlage in Collombey-Monthey. Die SRF-Karte der ewigen Belastungen zeigt, dass PFAS-Kontaminationen in der Schweiz flächendeckend verbreitet sind. (SRF, Karte der ewigen Belastungen) (BAFU, PFAS)
Was können Einzelpersonen tun?
Ein vollständiger Verzicht auf PFAS ist im Alltag kaum möglich, da die Substanzen in tausenden Produkten und in der Umwelt allgegenwärtig sind. Dennoch gibt es evidenzbasierte Massnahmen, mit denen die persönliche Exposition reduziert werden kann:
- Auf PFAS-freies Kochgeschirr umstellen (kein Teflon/PTFE-beschichtetes Geschirr mit sichtbaren Kratzern)
- Trinkwasser aus dem Hahn bevorzugen, aber lokale Belastungssituation prüfen (BAFU-Standortkarte)
- Fisch und Meeresfrüchte aus bekannt belasteten Gewässern meiden
- Wasserabweisende Kleidung und Outdoor-Ausrüstung von Marken ohne PFAS bevorzugen
- Verpackte Lebensmittel in PFAS-haltigen Kartons und Folien reduzieren
Für Personen, die in der Nähe bekannter PFAS-Hotspots wohnen oder sich beruflich exponiert wissen, empfiehlt das BAG die Konsultation des Hausarztes, der bei begründetem Verdacht eine Blutuntersuchung veranlassen kann.
Häufige Fragen
Was ist Human-Biomonitoring genau?
Human-Biomonitoring ist die Messung von Schadstoffen oder deren Stoffwechselprodukten in menschlichen Körperproben wie Blut, Urin oder Muttermilch. Es gibt Aufschluss darüber, wie stark eine Person tatsächlich mit einem Stoff belastet ist – unabhängig davon, ob eine messbare Exposition über Nahrung, Luft oder Wasser stattgefunden hat.
Wie hoch sind die PFAS-Konzentrationen in der Schweizer Bevölkerung?
Die BAG-Pilotstudie von 2025 zeigte, dass bei 57 Prozent der Teilnehmenden die PFAS-Gesamtkonzentration im Blut über der aus dem EFSA-TWI abgeleiteten Unbedenklichkeitsgrenze lag. Alle fünf häufigsten PFAS wurden in über 95 Prozent der Proben nachgewiesen.
Was bedeutet der EFSA-TWI von 4,4 ng/kg Körpergewicht pro Woche?
Der TWI (tolerable weekly intake) ist der Betrag der vier wichtigsten PFAS (PFOA, PFOS, PFNA, PFHxS), den ein Mensch pro Kilogramm Körpergewicht pro Woche aufnehmen kann, ohne dass nach aktuellem Wissensstand Gesundheitsschäden zu erwarten sind. Er wurde so abgeleitet, dass er sowohl für Erwachsene als auch für Säuglinge, die über Muttermilch exponiert werden, schützend ist.
Gibt es eigene Schweizer HBM-Werte für PFAS?
Nein. Die Schweiz hat keine eigenständigen HBM-Grenzwerte für PFAS abgeleitet. In der Praxis werden die deutschen HBM-I- und HBM-II-Werte des Umweltbundesamts als Orientierungswerte verwendet, da diese auf denselben europäischen Studien basieren.
Warum wurde die Langzeit-Biomonitoring-Studie abgebrochen?
Das BAG nannte Budgetgründe als Ursache für den Abbruch der geplanten «Schweizer Gesundheitsstudie». Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kritisierten den Entscheid scharf, da langfristige Daten unerlässlich sind, um gesundheitliche Trends zu verfolgen und die Wirksamkeit von Regulierungsmassnahmen zu überprüfen.
Kann ich meinen PFAS-Blutspiegel messen lassen?
Ja. In der Schweiz können Hausärztinnen und Hausärzte bei begründetem Verdacht eine PFAS-Blutuntersuchung anordnen. Entsprechende Analyselabore sind vorhanden. Routinemässige Screenings werden derzeit jedoch nicht empfohlen, da keine allgemein wirksame medizinische Behandlung erhöhter PFAS-Spiegel existiert.
Sinken die PFAS-Werte in der Bevölkerung?
Für die regulierten Altverbindungen PFOS und PFOA ist ein leichter Rückgang der Blutkonzentrationen zu beobachten, seit diese Substanzen weitgehend verboten wurden. Gleichzeitig steigen die Konzentrationen neuerer, kurzkettigerer PFAS, die als Ersatzstoffe eingesetzt werden und deren Langzeitwirkungen noch unzureichend erforscht sind.
Quellen
- BAG – Human Biomonitoring Projekte: die Pilotphase
- EFSA – PFAS in food: EFSA assesses risks and sets tolerable intake (2020)
- EFSA – Per- and polyfluoroalkyl substances (PFAS)
- BAFU – PFAS: was ist das?
- BLV – Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS)
- Empa – PFAS Wirkung auf Mensch und Umwelt
- Empa – PFAS-Event (Nationale Fachveranstaltung 2024)
- Eawag – PFAS: die Ewigkeitschemikalien in der Umwelt
- Tages-Anzeiger – PFAS: Pilotstudie liefert besorgniserregende Ergebnisse
- SRF Wissen – Bund stoppt PFAS-Studie: absolut fahrlässige Politik
- SRF News – Studie zu PFAS und Pestiziden gestrichen
- SRF – Karte der ewigen Belastungen: Hier sind PFAS zu finden
- Umweltbundesamt – Reference and HBM Values
- Ökotoxzentrum Schweiz – PFAS in der Umwelt (Infoblatt 2025)
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- PFAS in Schweizer Seen und Flüssen: Belastungsdaten und was du konkret tun kannst
- PFAS-Sanierung: Welche Technologien werden in der Schweiz eingesetzt?
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