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Was sind PFAS? Die "Ewigkeitschemikalien" erklärt

16. Mai 2026

Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen – kurz PFAS – sind eine Gruppe von rund 10'000 synthetischen Chemikalien, die seit den 1950er-Jahren industriell hergestellt werden. Ihr Beiname lautet nicht ohne Grund «Ewigkeitschemikalien»: Einmal in der Umwelt freigesetzt, bauen sie sich praktisch nicht ab. In der Schweiz werden sie intensiv untersucht, und der Bundesrat hat im Dezember 2025 einen eigenen Aktionsplan beschlossen, um die Bevölkerung besser zu schützen.

Was macht PFAS so besonders stabil?

Das Geheimnis liegt in der Chemie. Bei PFAS sind die Wasserstoffatome eines Kohlenstoffgerüsts vollständig (perfluoriert) oder teilweise (polyfluoriert) durch Fluoratome ersetzt. Die Kohlenstoff-Fluor-Bindung gehört zu den stärksten chemischen Verbindungen, die in der Natur vorkommen – stärker als die Bindungen, die Sonnenlicht, Wasser oder Mikroorganismen normalerweise aufbrechen könnten. Das Ergebnis: PFAS zerfallen weder in der Umwelt noch im menschlichen Körper vollständig. Stattdessen reichern sie sich an.

Wegen dieser Stabilität wurden PFAS jahrzehntelang bewusst eingesetzt. Sie machen Oberflächen wasser-, fett- und schmutzabweisend und halten extremen Temperaturen stand. Ohne PFAS wäre der Teflonbelag in der Bratpfanne genauso wenig möglich wie gewisse Feuerlöschschäume, wasserabweisende Outdoorjacken, Lebensmittelverpackungen oder bestimmte Halbleiterbauteile.

Wie viele PFAS gibt es?

Die US-amerikanische Umweltbehörde EPA hat bislang über 10'000 PFAS-Verbindungen identifiziert. In der Praxis sind jedoch einige Dutzend Stoffe besonders relevant, darunter:

  • Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) – acht Kohlenstoffatome, früher in Löschschäumen und Textilappretur
  • Perfluoroctansäure (PFOA) – acht Kohlenstoffatome, früher bei der Teflon-Produktion
  • Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS) – sechs Kohlenstoffatome, in Feuerlöschmitteln und Haushaltsartikeln
  • Perfluornonansäure (PFNA) – neun Kohlenstoffatome, in Lebensmittelverpackungen nachgewiesen
  • Trifluoressigsäure (TFA) – ein besonders kurzkettig-perfluorierter Stoff, der weltweit im Regen nachgewiesen wird

Man unterscheidet «langkettige» PFAS (mehr als sechs bis acht Kohlenstoffatome) von «kurzkettigen». Langkettige Stoffe reichern sich stärker im Körper an, kurzkettige sind mobiler und dringen leichter ins Grundwasser vor.

Woher stammen PFAS in der Umwelt?

PFAS gelangen auf vielen Wegen in Böden, Gewässer und Luft:

  • Feuerlöschschäume (AFFF): Jahrzehnte lang setzten Feuerwehren und Flughäfen Aqueous Film Forming Foam ein – ein besonders effektiver Löschschaum mit hohem PFAS-Gehalt. Jede Übung, jeder Einsatz versickerte PFAS ins Grundwasser. In der Schweiz sorgte der Euroairport Basel-Mulhouse für Schlagzeilen, nachdem PFAS aus Löschmitteln in die Trinkwasserfassungen benachbarter Gemeinden gelangt waren.
  • Industrieabwässer: Chemie- und Textilfabriken leiteten PFAS über Jahrzehnte in Flüsse und kommunale Kläranlagen. Herkömmliche Kläranlagen können PFAS nicht vollständig entfernen.
  • Deponien: Ältere Siedlungsabfalldeponien enthalten grosse Mengen PFAS-haltiger Produkte. Das Sickerwasser kann ins Grundwasser eindringen.
  • Landwirtschaft: Klärschlämme, die als Dünger eingesetzt wurden, haben PFAS in landwirtschaftliche Böden eingetragen. Von dort gelangen sie in Pflanzen und ins Grundwasser.
  • Verbraucherprodukte: Imprägniersprays, beschichtete Kochgeschirre oder Lebensmittelverpackungen aus beschichtetem Papier geben PFAS an Lebensmittel und die Umgebungsluft ab.

PFAS in der Schweiz: Was weiss das BAFU?

Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) betreibt mit NAQUA die nationale Grundwasserbeobachtung. Im Rahmen einer Pilotstudie 2021 wurden alle knapp 550 NAQUA-Messstellen auf 26 verschiedene PFAS untersucht. Das Ergebnis war ernüchternd: An knapp der Hälfte aller Messstellen waren PFAS nachweisbar, insgesamt wurden 13 verschiedene Verbindungen identifiziert. Die damals gültigen Grenzwerte wurden zwar nur an einer Messstelle überschritten – doch der weit verbreitete Befund zeigt, wie tief die Kontamination bereits in den Wasserkreislauf eingedrungen ist.

Laut BAFU stammen erhöhte Werte besonders häufig aus Einzugsgebieten, in denen früher mit PFAS-haltigen Löschschäumen geübt wurde. Auch die Infiltration von belastetem Flusswasser und das Auslaugen älterer Deponien spielen eine wichtige Rolle. Im Oktober 2025 veröffentlichte die Gemeinde Naters im Kanton Wallis ein FAQ-Dokument zu PFAS im Trinkwasser – ein Zeichen dafür, dass lokale Behörden zunehmend unter Handlungsdruck stehen.

Wie gelangen PFAS in den menschlichen Körper?

Die wichtigsten Aufnahmepfade sind:

  • Trinkwasser: Belastetes Grundwasser ist einer der direktesten Wege. Besonders in der Nähe von Flughäfen, Industriestandorten und alten Deponien können die Konzentrationen erhöht sein.
  • Lebensmittel: Fisch aus belasteten Gewässern, Gemüse aus PFAS-belastetem Boden und Lebensmittel aus beschichteten Verpackungen sind relevante Quellen. Laut BAFU-Daten ist die Nahrung für die meisten Menschen der bedeutendste Aufnahmepfad.
  • Innenraumluft und Hausstaub: PFAS-haltige Imprägnierungen in Teppichen, Möbeln und Textilien verflüchtigen sich langsam in die Raumluft oder landen im Hausstaub.
  • Haut und Schleimhäute: Kosmetika und Pflegeprodukte können PFAS enthalten und über die Haut aufgenommen werden.

Einmal im Blut, binden sich PFAS vor allem an Proteine wie Albumin und reichern sich in der Leber an. Die Halbwertszeit – also die Zeit, bis die Hälfte einer aufgenommenen Menge wieder ausgeschieden ist – beträgt beim Menschen für PFOA rund 2,3 bis 3,8 Jahre, für PFOS etwa 5,4 Jahre und für PFHxS im Durchschnitt 5,3 Jahre. Das erklärt den Begriff «Ewigkeitschemikalien» auch aus körperlicher Perspektive.

Welche Gesundheitsrisiken bestehen?

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2020 auf Basis umfangreicher Studien eine tolerierbare wöchentliche Aufnahme (TWI) für die Summe von vier PFAS (PFOA, PFNA, PFHxS und PFOS) von 4,4 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht festgelegt. Als empfindlichster Gesundheitsendpunkt gilt dabei die Beeinträchtigung des Immunsystems: Bereits bei niedrigen Blutkonzentrationen kann die Antikörperreaktion nach Impfungen bei Kindern abgeschwächt werden.

Weitere wissenschaftlich diskutierte Effekte umfassen:

  • Veränderungen des Cholesterin- und Fettstoffwechsels
  • Störungen der Schilddrüsenfunktion
  • Erhöhtes Risiko für bestimmte Krebsarten (insbesondere Nierenkrebs bei PFOA)
  • Beeinträchtigung der Leberfunktion
  • Verminderte Fruchtbarkeit und Störungen der fötalen Entwicklung

Die EFSA hat berechnet, dass der europäische Durchschnitt bei der wöchentlichen Aufnahme dieser vier PFAS zwischen 3 und 22 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht liegt – ein grösser Teil der Bevölkerung überschreitet damit den TWI bereits durch normale Ernährung und Trinkwasser.

Was tut die Schweiz dagegen?

Die Schweiz reguliert PFAS auf mehreren Ebenen. Die Trinkwasserverordnung (TBDV) des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) enthält Höchstwerte für PFOS, PFOA und PFHxS im Trinkwasser. Gleichzeitig hat der Bundesrat am 19. Dezember 2025 einen nationalen Aktionsplan beschlossen: Das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) wird bis Ende 2027 konkrete Massnahmen ausarbeiten, um Belastungen durch PFAS und andere langlebige Chemikalien zu reduzieren. Dazu gehören bessere Koordination der bestehenden Vorschriften, neue Prüf- und Sanierungswerte für Böden und Gewässer sowie verschärfte Grenzwerte für das Trinkwasser.

In der EU gilt ab 2026 ein Summengrenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für 20 PFAS im Trinkwasser. Die Schweiz diskutiert eine analoge Regelung – eine Übernahme wurde zwischenzeitlich verschoben, ist aber politisch weiterhin im Gespräch.

Was bedeutet das für Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz?

Für die grosse Mehrheit der Bevölkerung ist das Risiko durch das Schweizer Leitungswasser derzeit gering, da die bestehenden Grenzwerte an fast allen Messstellen eingehalten werden. Dennoch empfehlen Gesundheitsbehörden:

  • Auf PFAS-freie Pfannen und Kochgeschirre umstellen (Edelstahl, Gusseisen, Keramik ohne PTFE-Beschichtung)
  • Lebensmittel aus PFAS-haltigen Verpackungen (beschichtetes Fast-Food-Papier) möglichst vermeiden
  • Regionale Nahrungsmittel aus unbelastetem Anbau bevorzugen
  • Outdoortextilien mit PFC-freier Imprägnierung wählen
  • Die lokalen Trinkwassermessungen auf dem kantonalen Trinkwasserportal verfolgen

Die PFAS-Karte Schweiz auf pfaskarte.ch zeigt, wo in der Schweiz Belastungen bekannt sind – aus Grundwasserdaten des BAFU, Kantonsuntersuchungen und weiteren öffentlichen Quellen.

Häufige Fragen

Sind PFAS dasselbe wie Mikroplastik?

Nein. Mikroplastik sind kleine Kunststoffpartikel, während PFAS gelöste Chemikalien sind. Beide sind persistente Umweltkontaminanten, aber chemisch grundverschieden. PFAS sind in Wasser löslich und dringen deshalb leichter ins Trinkwasser vor als Mikroplastikpartikel.

Kann man PFAS durch Filtern aus dem Trinkwasser entfernen?

Aktivkohlefilter und umgekehrte Osmose (Reverse Osmosis) können PFAS aus dem Trinkwasser deutlich reduzieren. Herkömmliche Wasserkocher oder Brita-ähnliche Kalkfilter sind hingegen wirkungslos gegen PFAS. In der öffentlichen Wasserversorgung setzen grosse Schweizer Wasserwerke zunehmend auf Aktivkohlefiltration.

Sind PFAS in der Schweiz verboten?

Viele der am besten untersuchten PFAS wie PFOS und PFOA sind in der Schweiz und der EU bereits verboten oder stark eingeschränkt. Die Industrie hat teilweise auf kurzkettige Ersatzstoffe umgestellt, die jedoch mobiler im Grundwasser sind. Ein breites Verbot aller PFAS wird in der EU aktiv diskutiert.

Wie lange bleiben PFAS in der Umwelt?

PFAS werden von Mikroorganismen, Sonnenlicht und chemischen Prozessen nicht abgebaut – in der Wissenschaft spricht man daher von «unbegrenzter Persistenz». Im Boden und im Grundwasser können sie Hunderte von Jahren verbleiben. Nur technische Verfahren wie Hochtemperaturverbrennung oder elektrochemische Oxidation können PFAS zerstören.

Was tut mein Kanton gegen PFAS?

Alle Kantone führen Grundwasserüberwachungen durch und müssen bei Grenzwertüberschreitungen Massnahmen ergreifen. Kantone wie Wallis, Zürich und Bern veröffentlichen eigene PFAS-Berichte. Der Bundesrat-Aktionsplan vom Dezember 2025 sieht vor, die Kantone eng in die Erarbeitung nationaler PFAS-Richtwerte einzubeziehen.

Sind PFAS im Blut nachweisbar?

Ja. Studien in europäischen Ländern zeigen, dass PFAS praktisch in jeder Blutprobe nachweisbar sind. Das BAFU hatte eine eigene Humanbiomonitoring-Studie begonnen, um Schweizer Referenzwerte zu erheben – das Projekt wurde jedoch zeitweilig gestoppt, was laut SRF öffentliche Kritik auslöste.

Quellen

  • Bundesamt für Umwelt BAFU: PFAS im Grundwasser – NAQUA-Pilotstudie 2021. bafu.admin.ch
  • BAFU: Medienmitteilung «PFAS vielerorts im Grundwasser, aktuelle Grenzwerte kaum überschritten» (2023). bafu.admin.ch
  • Bundesrat: Aktionsplan zum Umgang mit langlebigen Chemikalien wie PFAS, 19. Dezember 2025. news.admin.ch
  • EFSA: Risikobewertung PFAS in Lebensmitteln, TWI 4,4 ng/kg KG/Woche (2020). efsa.europa.eu
  • Beobachter: «Trinkwasserverbot beim Flughafen Basel» – PFAS aus Löschschaum. beobachter.ch
  • SRF: «Bund stoppt PFAS-Studie – Absolute fahrlässige Politik». srf.ch
  • BfR (D): Fragen und Antworten zu PFAS – Halbwertszeiten im menschlichen Körper. bfr.bund.de

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